Kleine Geschichten
Plan, damit befasste man sich auch in der Zwischenzeit etliche Kilometer entfernt im Herzen der Alpen, allerdings im adjektivischen Sinn. Es war leicht zu erkennen, dass mit „Little Man“ neben dem Äußerlichen auch etwas im Inneren nicht stimmte. Deswegen führten Ärzte bei ihm eine Computertomografie durch und stellten fest, dass die Oberfläche seines Gehirns völlig „plan“ war, wie die einer Wassermelone. Um ihn herum standen nun die Ärzteschar und die Eltern, alle Gesichter spiegelten eine tiefe Betroffenheit wieder. Ebenso einig war man sich bei der Feststellung, die geistigen Fähigkeiten entsprächen ebenfalls denen des bereits genannten Kürbisgewächses mit dem botanischen Namen „Citrullus lanatus“. Seine wenig einfallsreichen Brüder beschlossen ihn ab diesem Zeitpunkt nur mehr Citrull zu nennen. Melonen sind normalerweise keine Einzelgänger, sie treten immer in Horden auf, doch auch hier bildete er eine Ausnahme. Verständlicherweise waren die Eltern überglücklich, als sie ihn gegen seinen Willen in den Kindergarten schleppten und er nicht wie sonst üblich bei der ersten Gelegenheit verschwand. Im Gegenteil, die Kindergärtnerinnen berichteten über erstaunliche Fortschritte. Er würde so gerne mit einer Schaufel und einem Kübel in der Sandkiste spielen, teilten sie den Eltern mit. Was sie nicht wussten war, dass in seinem Kürbiskopf nur eines vorging, der Gedanke an Flucht. Unglücklicherweise dauerten die Pausen nicht lange genug, um sein Vorhaben in die Tat umsetzen zu können. Meist, nachdem er den ersten Meter gegraben hatte, wurden die Kinder wieder in das Gebäude zurückgerufen, das ihm verhasste „Jubelsingen“ stand auf dem Programm. Seine Freude über die Einschulung war sogleich verflogen, als er in der ersten Pause bemerkte, dass der Schulhof aus einer asphaltierten Fläche bestand. Mit der Schaufel war kein Weiterkommen möglich, stellte er fest. Irgendwann musste er einmal den Spruch „mit dem Kopf durch die Wand“ aufgeschnappt, aber nicht richtig interpretiert haben. Eines Tage, er war des Radfahrens noch nicht mächtig – ließ er sich auf einem Drahtesel von seinen Geschwistern die Einfahrt zum Hof hinab stoßen. In der Mitte des Weges stürzte er und schlug mit seinem „Mützenhalter“ heftig am Boden auf. Um ihn herum sammelte sich die aufgeregte Familie und sah zu, wie es dem Citrull die Augen verdrehte. Was keiner ahnen konnte, der ganze Vorfall war geplant, denn er wollte eigentlich nur abhauen. Er dachte sich, wenn man mit dem Kopf durch die Wand kommt, dann sollte dies auch mit dem Boden funktionieren. Hätte zu jener Zeit bereits das Internet existiert, wäre er vielleicht auf folgende Erklärung gestoßen:
"Mit dem Kopf durch die Wand wollen/gehen" bedeutet, dass jemand ein Problem lösen will, indem er dagegen anrennt, ohne jedoch darüber nachzudenken, dass diese Lösung ihm selbst schaden wird. Eine solche Person ist unglaublich stur auf die einzige ihm möglich erscheinende Lösung fixiert, auch wenn diese sich als nicht praktikabel erweist“.
Lustigerweise zeigte sich eine gewisse Parallele zu den Vorfällen die sich im Orient ereignet hatten. Als er nämlich so in der Hofeinfahrt lag, erblickte auch er ein „Licht am Ende des Tunnels“.