Kleine Geschichten
Ein Mensch muss im Leben für alles „gerüstet“ sein, wurde Littleman gelehrt. Daher konnte er sein Glück kaum fassen, als im Nebenhaus mit dem Einbau eines Aufzuges begonnen wurde. Dazu wurde an der Hofseite über fünf Stockwerke ein Gerüst aufgestellt dass bis zum Dach reichte und das Betreten war natürlich strengstens untersagt. Besser kann ich nicht gerüstet sein, dachte er sich überglücklich, war dies etwa das Paradies? Jeder Alpenbewohner kann jodeln und auch bergsteigen, so wird landläufig behauptet. Ersteres gehörte zwar nicht zu seinem Repertoire, aber das Klettern lag ihm im Blut. Sein Schulfreund in besagtem Haus und er konnten es kaum erwarten, das Verbot endlich zu brechen. Am Nachmittag starteten sie ihre erste Erkundungstour und erreichten das erste Hochlager im 2. Stockwerk. Am Abend zitierte der Adoptivvater seinen Sohn zu sich und verbot ihm sich dem Baugerüst auch nur zu nähern, irgendwie musste er Wind von der Sache bekommen haben. Aus und vobei, dachte Littleman, da fiel ihm erleichtert ein, dass untertags immer wieder die Möglichkeit bestand unbeobachtet etwas Höhenluft zu schnuppern. Sein Freund und er hatten inzwischen sämtliche Routen und Schwierigkeitsgrade bis ganz oben bezwungen, daher machte sich allmählich Langeweile breit. Abermals war ihm das Glück hold, denn sein Bruder hatte im Werkunterricht ein GELI-Papiermodell einer DC9 gebaut, dass im Kinderzimmer nur mehr als Staubfänger diente. Mit einer Spannweite von etwa 1 Meter war es flugtauglich, wie sie anhand mehrerer Versuche festgestellt hatten. Sie mussten nicht lange überlegen, wie der würdige Abgang für dieses Modell aussehen sollte. Zu diesem Zweck wurden zwei Piraten-Knallkörper erstanden, damals ein schwieriges Unterfangen, mit Hilfe dieser wollten sie das Ding fachgerecht sprengen; im Flug. Littleman und sein Freund kletterten mitsamt dem Papierflieger auf das Gerüst, während sein Bruder unten im Garten die Lage überprüfte. Oben angekommen mussten die beiden erkennen, dass Piraten keine Zündschnur besitzen, sondern nur über einen halbrunden Zündkopf verfügen. Vorsichtig wie sie waren, wollten sie zuerst einmal eine Testsprengung ohne Flugzeug durchführen. Im Erdgeschoß wohnte eine Oberstleutnantswitwe, deren Katzenliebe im ganzen Stadtteil bekannt war. Die etwa sieben Haustiere waren äußerst betagt und schleppten ihre alten Knochen behäbig durch den Hof nichts konnte sie aus der Ruhe bringen. Ein Irrtum wie sich herausstellen sollte. Auf dem Gerüst wurde der Pirat hastig an der Streichholzschachtel entzündet und blitzschnell nach unten geworfen, sie hatten Angst ein Sprengkörper ohne Lunte könnte womöglich sofort explodieren. Doch es dauerte ungefähr fünf Sekunden, als plötzlich durch einen ohrenbetäubenden Knall hervorgerufen ein mehrfaches Echo im gesamten Innenhof hallte. Die Katzen, die eben noch statisch im gesamten Garten verteilt standen, besannen sich ihrer Jugend und sprinteten Richtung Balkon. Dieser unfreiwillige Einsatz hauchte ihnen wahrscheinlich vier ihrer sieben Leben aus. Währendessen fuchtelte Littlemans Bruder unten wild mit den Armen, er sah das drohende Unheil in der Gestalt der Oberstleutnantswitwe Richtung Hof zusteuern. Zu spät, das Flugzeug nebst dem durch dessen Fenster eingeworfenen Knallkörper war startklar und wurde sogleich vom Gerüst in die Luft entlassen. Nach kurzem Schwebeflug vollführte es einen halben Abwärtssalto, weiter kam es nicht, denn in dem Moment wurde der Hof abermals von einem mächtigen Donnerschlag erfüllt. Durch die enorme Lärmentwicklung war nur die Hälfte der Schimpfkanonade der Katzentante hörbar, die mit hochrotem Kopf ihre Thesen über die verkommenen Kinder von heute hinausbrüllte. Oben im Gerüst beschlossen die beiden erst einmal die Gemütsberuhigung der sichtlich erregten Dame abzuwarten und später erst absteigen. Die Aktion wäre ein voller Erfolg gewesen, hätte Littleman nicht in dem Moment eine Fata Morgana beobachtet, besser gesagt „Vater Morgana“, er war ungewöhnlich früh nach Hause gekommen, hatte seinen Adoptivsohn erblickt und war „entrüstet“. Die vermeintlich optische Täuschung war leider real, genauso wie der darauffolgende dritte „Knall“ an diesem Tag und der war auch nicht von schlechten Eltern.