Kleine Geschichten
„Männer“, selbst die im Volksschulalter, haben nicht nur den unbändigen Drang ihr Revier zu markieren, sondern vor allem auch dieses Territorium auszudehnen. Das nichtsnutzige Adoptivkind hatte in einem Schulkollegen einen kongenialen Partner gefunden, der im Nebenhaus wohnhaft war. Dies erwies sich als äußerst praktisch, denn die von Fenster zu Fenster geplanten Missetaten konnten unmittelbar danach in die Tat umgesetzt werden. Die alten Häuser bildeten einen großen, rechteckigen Innenhof, in dem sich die zu den jeweiligen Häusern gehörenden Gärten befanden, Diese waren durch Zäune abgetrennt. Das Nachbargebäude gehörte der Mutter seines Schulfreundes besaß einen großzügigen Garten mit drei großen Fichten, der in der Mitte mit einem Streifen aus Blumen und Sträuchern getrennt war. Mit ihren Kinderfahrrädern pflügten sie auf einem vorgegebenen Parcours alles um, was sich ihnen in den Weg stellte, schließlich ging es um die schnellste Zeit. So fielen zahlreiche Zierpflanzen ihrem außergewöhnlichen Bewegungsdrang zum Opfer. Trotz mehrmaliger Ermahnungen waren sie nicht zu bremsen, bis schließlich der Garten durch eine künstliche Abtrennung für ihr Radcrosshobby unbrauchbar gemacht wurde. Leider wurde darauf vergessen ihnen dies mitzuteilen und sie so am eigenen Leib spürten, was unter „negativer Beschleunigung“ zu verstehen ist.
Ihrer Beschäftigung beraubt, lehnten sie gelangweilt am Gartenzaun, als ihnen die Idee für eine neue Beschäftigung kam. Sie wollten einfach in den benachbarten Teil des Hofes einsteigen. Sie wussten, dass dies verboten war, deshalb konnten sie unmöglich widerstehen. Die Garteneroberung war erfunden. Die erste Exkursion war nicht von langer Dauer, aber ungemein spannend. Sie planten für die nächsten Tage immer weitere Ausflüge, ihr Ziel war es erst damit aufzuhören, wenn der letzte Garten erobert war. Eines Tages, sie hatten gerade den vierten Zaun überwunden, als sich ihnen der „Feind“ in Form einer stämmigen Frau in den Weg stellte. Für ihre Körpermaße war sie unglaublich behände und signierte blitzschnell deren Gesichter mit der flachen Hand. Zuhause angekommen, schworen die Invasoren diese Schmach nicht einfach so hinzunehmen. Littleman erklärte seinem Freund, dass er das nächste Mal mit schwerem Geschütz auffahren wolle und suchte daheim sogleich nach dem geeigneten Werkzeug, seinem Taschenmesser. Als er die Klinge begutachtete musste er feststellen, dass diese so scharf war, wie eine 120 Jahre alte Stripteasetänzerin, nämlich überhaupt nicht. Daher wandte er sich an seinen ältesten Bruder mit der Bitte das Messer zu schärfen. Erstgeborenen wird nachgesagt besonders ordentlich und auch sehr penibel bei den ihnen aufgetragenen Arbeiten zu sein. Zwar dauerte das Schleifen eine geraume Zeit, dass Ergebnis aber konnte sich sehen lassen. Die Klinge glänzte nicht nur wie ein Samuraischwert, sondern war mindestens so scharf. An einem Frühlingsabend starteten sie ihren Rachefeldzug sie überwanden einen Zaun nach dem anderen und standen kurz darauf im Feindesland. Nach kurzer Besprechung vereinbarten sie dem korpulenten Feind, dass - wie sie glaubten - Schlimmste anzutun. Aushungern. Dazu machten sie sich über die Gemüsebeete her und stopften sich Kohlrabi, Karotten und zum Nachtisch sämtliche Radieschen in den Mund. Anschließend griff er in seine Hosentasche und holte das Taschenmesser hervor und klappte es auf. In der Klinge spiegelte sich der Mond und da weit und breit kein Feind in Sicht war, schlitzte er stattdessen die im Garten liegenden Torfsäcke auf. Nachdem er damit fertig war fiel ihm ein, dass Banditen in jedem Wildwestfilm immer die Leitungen an Telegrafenmasten kappten. In Ermangelung dieser technischen Einrichtung, fand er in den gespannten Wäscheleinen adäquaten Ersatz. Er begann bei der vordersten und marschierte mit dem Messer in der ausgestreckten Hand bis zur letzten. Die Schnüre boten keinen Widerstand und hingen nach einem kurzen „Zoing“ einfach schlaff zu Boden. Sie blickten kurz auf ihr Werk und traten mit Genugtuung den Heimweg an.
Zur damaligen Zeit verübte die R.A.F. die ersten Terroranschläge, daher war klar in welchem Umfeld die Täter zu suchen waren. In den nächsten Tagen kursierte in der Nachbarschaft das wilde Gerücht, linksradikale Studenten hätten mutwillig einen gepflegten Garten verwüstet. Nie sollte jemand erfahren, dass der Übeltäter in Wahrheit ein „linkischer“ Schüler gewesen ist.