Kleine Geschichten
Die Regenerationsfähigkeit von Kindern ist ungleich höher als bei Erwachsenen. Daher dauerte es nicht lange bis die Folgen des Zigarrenrauchens vergessen waren. Die Familie befand sich noch immer in Italien, als Mitte August die alljährliche Geburtstagsfeier des Campingplatzbesitzers anstand. Dazu wurden am Eingang mehrere Stände aufgebaut wo sich jung und alt verköstigen konnten. Die Adoptiveltern hatten ihn nicht umsonst aufgenommen, also schickten sie den Sklaven los, um etwas Wein zu holen. Werner, ein gleichaltriger Freund und er machten sich sogleich auf dem Weg. Vorne angekommen händigte man ihnen das Gewünschte umgehend aus. Jugendschutz gab es keinen und die Italiener sind sowieso glücklich, wenn sie Bambini sehen, noch dazu war er in voller Kostümierung unterwegs, d.h. inkl. obligatorischer Lederhose. Die Bedienung war verzückt und überreichte ihnen je ein Glas Wein für die Eltern. Umgehend traten sie den Rückweg an, schließlich wollte er seine Eltern nicht unnötig warten lassen. Auf halbem Weg entschieden Werner und er, sicherheitshalber das Getränk zu kosten, sie wollten nichts dem Zufall überlassen und womöglich etwas Ungenießbares überreichen. Sie standen da wie zwei altgediente Sommeliers und gaben nach jedem Schluck einen Kommentar ab. „Guter Traubensaft“, „ein wenig süßer könnte er sein“, „ist aber sehr erfrischend“. Kaum hatten sie sich versehen, waren die beiden Becher leer. Sie blickten sich ratlos an und überlegten, wie sie diesen abnormen Schwund erklären sollten. Beim Wohnwagen angekommen schaute er zuerst betreten ihn die Runde und erzählte dann ohne Hemmung von einer Abkürzung, die sie genommen hatten, damit die Eltern nicht so lange warten müssten. Dabei wäre er über eine unvorschriftsmäßig gespannte Zeltschnur gestolpert und hätte unglücklicherweise auch Werner mitgerissen. Dann versprach er, sofort das Versäumte nachzuholen und marschierte mit Werner wieder Richtung Campingplatzeinfahrt. Die Dame bei der Weinausgabe empfing ihn mit einem freudigen Wortschwall, doch diesmal klang das Italienische noch eigenartiger als sonst. Der Wein sollte für Onkel und Tante sein log er, nicht damit der Ruf seiner Eltern gewahrt würde, sondern aus Angst, sie könnten auf dem Trockenen sitzen bleiben. Er bedankte sich wandte sich um und ging mit Werner Richtung Wohnwagen. Nun jedoch zweigten sie schon nach 20 Metern vom Weg ab und stellten sich hinter das Gebäude mit den Waschräumen. In dessen Schutz konnten sie ungestört denn zweiten Becher verkosten, natürlich nur um sicher zu gehen, dass dieser Wein die gleiche Güte aufwies, wie der zuvor. Diesmal beschlossen sie den Eltern nicht mit leeren Händen und einer geistlosen Ausrede unter die Augen zu treten, sondern gleich wieder die nette Frau mit dem scheinbar unerschöpflichen Vorrat an „Traubensaft“ aufzusuchen. Für die dritte Runde mussten Großmutter und Großvater herhalten. Die beiden machten sich nicht einmal mehr die Mühe diesen wunderbaren Ort zu verlassen, sie legten sich gegenseitig einen Arm um die Schulter, tranken einen Schluck und begannen plötzlich ohne Grund zu kichern. Es schien als ob sich die Umwelt ich ein Kuriositätenkabinett verwandelt hätte. Alles und jeder wirkte unglaublich erheiternd. Als er Werner auf einmal ansah, kam ihm vor, als würde er in ein von Picasso gemaltes Porträt blicken. Anscheinend, machte seine eigene Physiognomie auf Werner den gleichen Eindruck. Im gleichen Augenblick brüllten sie los vor Lachen, die erschrockenen Umstehenden verfolgten die beiden mit ihren strafenden Blicken, während sie sich gegenseitig stützend auf den Heimweg machten. Ach ja, er ist selbstverständlich danach noch in voller Montur in den See gefallen, die stocksteife Lederhose und sein Hinterteil wurden allerdings erst am nächsten Tag vom Adoptivvater weich geklopft.