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Kleine Geschichten

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Immer wenn er Pillen nahm

Für junge Eltern wird es heute wahrscheinlich unverständlich sein, wie Kinder die frühere Zeit überleben konnten. Sie wurden nämlich „anti-antiautoritär“ erzogen. Man wurde nicht gelehrt, sondern das zu Lernende wurde „eingebläut“, mit bloßer Hand, Zeigestab und wenn gar nichts mehr geholfen hat mit dem Zollstock. So lernte der kleine Affe den ersten physikalischen Begriff praxisnah kennen, das Trägheitsprinzip. „Ein Körper verharrt im Zustand der Ruhe oder der gleichförmigen Translation, sofern er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung seines Zustands gezwungen wird.“ Für Lernwillige eröffnete sich damals trotz allem ein Paradies, es gab keine Sicherheitsverschlüsse, ein Kinderschutz an Steckdosen war vollkommen unbekannt. So konnte man sich nach Herzenslust an Haushaltsreinigern delektieren und mit Hilfe einer Stricknadel das Innere von Stromdosen erkunden, die Welt wurde empirisch entdeckt.

Dem Melonenhirn in der Alpenrepublik war wieder einmal unheimlich langweilig, er streifte ziellos durch die Wohnung auf der Suche nach neuen Grenzerfahrungen. Nach kurzer Zeit wurde er auch fündig. An der Wand hing der Medikamentenschrank, absolutes Sperrgebiet und somit das ideale Betätigungsfeld. Da er noch nicht lesen konnte, beschloss er sich einfach die Farbenlehre zunutze zu machen. Damit konnte er aus den bunten Tabletten die gefälligsten auswählen. Er entschied sich für die roten. Es handelte sich dabei um ein Kreislaufpräparat, das kurze Zeit später seinem Namen alle Ehre machte. Denn plötzlich, wie eine aufgezogene Spielzeugmaus schoss er los, rannte kreuz und quer durch die Wohnung, schlug Purzelbäume und ließ sich trotz aller Mühe nicht einfangen. Daraufhin änderten die Eltern ihre Strategie, während der Vater weiterhin chancenlos hinter dem zum „wilden Affen“ mutierten Adoptivsohn herlief, versuchte die Mutter von den zwei anwesenden Brüdern etwas über die Anzahl der geschluckten Pillen zu erfahren. Während heute schon Kleinkinder in der Lage sind bis -1 zu zählen, plagten sich die Geschwister scheinbar mit der Zahlenangabe herum. Umständlich zeigten sie mit ausgestreckten Händen, was sie über die Menge zu wissen glaubten und verdeutlichen dies mit den Worten „so viele, nein so viele, soooo viele“. Dabei verringerten oder erhöhten sie willkürlich die Anzahl der Finger, die Informationen waren nicht wirklich hilfreich. Auch hier liegt die Vermutung nahe, dass sie sehr genau Bescheid gewusst hatten, aber durch ihr absichtliches Verwirrspiel konnten sie das Schauspiel das ihnen geboten wurde länger genießen. Inzwischen war auch der Hausarzt eingetroffen, der die Frage des gerade vorbeihechelten Adoptivvaters nach einem Betäubungsgewehr verneinen musste. Doch von einer Sekunde auf die andere, saß das Kind völlig teilnahmslos auf dem Boden, der „Treibstoff“ war zu Ende gegangen und nun konnte er endlich festgehalten werden. Nach dem Einflößen von Kaffee war der Spuk endgültig vorbei, die Brüder wandten sich wieder interessanteren Dingen zu und niemand erkannte die historische Bedeutung eben Geschehenen. Alle Beteiligten waren Zeugen der ersten Ecstasyparty in der Menschheitsgeschichte. Der Adoptivsohn war allerdings niemals mehr in seinem Leben so aktiv wie an jenem Tag, als er „mehrere Lichter“ am Ende des Tunnels sah.

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