Kleine Geschichten
Wer hier jetzt einen erotischen Text erwartet, sollte sich nun lieber anderweitig umsehen. Das Alphirn wusste inzwischen, dass Mädchen nicht das Ergebnis eines himmlischen Fabrikationsfehlers waren. Gut, das konnte er verstehen, aber wozu sollte dieser Unterschied gut sein? In der damaligen Zeit wurde ausschließlich die geisteswissenschaftliche Aufklärung behandelt. Sollte trotzdem einmal die Sprache auf die sexuelle Aufklärung kommen, verhinderte eine strenge Erziehung meist dahingehende Fragen. Lehrer drückten sich ebenso wie die Eltern davor, den Sprösslingen diesbezüglich erschöpfend Auskunft zu geben. Daher beschlossen die Adoptiveltern die Aufgabe zwei Wellensittichen zu übertragen, dem kleinen Unterbelichteten etwas über die Sexualität beizubringen. Die Wahl fiel wahrscheinlich auf diese Rasse, da die Eltern hofften die Vögel würden eventuell das Sprechen lernen und somit den Lernprozess auch verbal unterstützen können. Zu ihrem Unglück übertrafen die Sittiche in punkto Passivität sogar das Adoptivkind, was gar nicht so leicht war. Sie saßen gelangweilt in ihrem Käfig und weigerten sich trotz Verabreichung einer Unmenge von Sprechperlen auch nur ein Wort von sich zu geben. Dann tauchten plötzlich „zwischentierische“ Differenzen auf. Das Weibchen verwandelte sich in eine keifende Alte, die im wahrsten Sinne des Wortes ständig auf ihm herumhackte und ihn letztendlich in den Wahnsinn trieb. Der Herr des Käfigs zog sich immer mehr zurück und in seiner Hilflosigkeit ließ er den Unmut am Körnerlieferanten aus. Eines Tages war er verschwunden. Die Eltern mussten resigniert bemerken, dass dieser Aufklärungsversuch kläglich gescheitert war, das einzige was er daraus gelernt hatte war, wie ein zukünftiges Eheleben wahrscheinlich ablaufen würde. Nach langer Überlegung wurde beschlossen, die Aufklärung in fachkundige „Hand“ zu legen und so wurden diesmal Zwergpapageien dafür ausgesucht. So genannte Agaporniden, besser bekannt als die Unzertrennlichen. Der Name “Agapornis” ist aus den altgriechischen Wörtern für Liebe und Vogel zusammengesetzt und bedeutet “Liebesvögel”. Was sollte da noch schief gehen? Der Sohn wurde vor den Käfig gesetzt, ausgerüstet mit Proviant für mehrere Tage. Doch nichts geschah, die beiden saßen genauso gelangweilt da, nur etwas näher zusammengerückt. Doch an einem schönen Sommertag, der Käfig stand auf dem Balkon, als plötzlich auf dem Fensterbrett ein weiterer Agapornide saß, ein junges Männchen. Es flog sogleich in den extra für ihn geöffneten Käfig und machte sich sofort an die Beglückung der gefiederten Vogeldame. Die Eltern strahlten vor Freude, schließlich war die Aufklärung im vollen Gange. Der Vogelmann betrachtete das Ganze eher mit gemischten Gefühlen von der Seite, eine Dreiecksbeziehung war nicht nach seinem Sinn. Entweder war der Neuankömmling der Teufel persönlich, oder aber ein Gigolo im Federkleid. Eines Morgens beim Abdecken des Käfigs schlief der gehörnte Altvogel noch immer, auf dem Rücken, bei einem Vogel kein besonders gutes Zeichen. Ob er an gebrochenem Herzen verstorben war oder freiwillig aus dem Leben schied, konnte nicht festgestellt werden. Nachdem sich der Gemahl auf diese Weise gänzlich aus der Affäre gezogen hatte, verwandelte sich der Käfig daraufhin in ein Rotlichtetablissement. Die Untreue und das ausschweifende Leben der „Frau Vogel“ sollten sich aber rächen, denn sie überlebte den Gemahl nur um wenige Wochen. Der Gigolo aber reinigte sich in aller Ruhe ausgiebig sein Gefieder und war so plötzlich verschwunden, wie er einst gekommen war. Viel wichtiger war jedoch für alle Beteiligten, das leidige Thema der Aufklärung war damit abgeschlossen, denn der Adoptivsohn wusste jetzt endlich Bescheid, er war aus einem Ei geschlüpft.